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Kunst & Kultur
LABOFII
Kategorie: Kunst

Auf dem schönen Kampnagel-Sommerfestival

Ein Halbkreis von Stühlen um ein kleines Popcorngebirge. Schwarze Vorhänge. Düsteres Licht. Von der Seite rollen Fahrräder in den Raum mit Lautsprechern, Gestängen, einem Anhänger. Innerhalb von wenigen Minuten entsteht daraus ein Kino: Im Anhänger stecken Laptop und Beamer, das Gestänge hält eine Leinwand, die Fahrräder kommen links und rechts auf Ständer und sorgen für den Strom: Willkommen bei FLOW, dem jüngsten Projekt des Laboratory of Insurrectionary Imagination (LABOFII) für das Sommerfestival auf Kampnagel in Hamburg.

LABOFII arbeitet an der Schnittstelle zwischen Kunst und sozialer Bewegung. Für Hamburg planen sie eine Soundinstallation, die mit den Fahrrädern der Teilnehmer in die Stadt ausschwärmen soll. An diesem Abend zeigen sie aber zunächst einmal eine zweistündige Dokumentation ihrer Reise durch Europa zu utopischen Projekten quer über den Kontinent: Versuchen, anders zu leben, als es die kapitalistische Konsumgesellschaft für gewöhnlich erwartet.

LABOFII wäre nicht LABOFII, wenn nicht selbst bei einer Filmvorführung das Publikum involviert würde: Es muss für den Strom sorgen. Neben jedem Fahrrad steht ein Stuhl. Wer nicht mehr radeln mag, gibt den Platz frei und wird von der Person auf dem Stuhl abgelöst. Wer aus dem Publikum einen freien Stuhl erspäht, ist aufgefordert, sich selbst auf die Warteposition zu begeben.

Das funktioniert erstaunlich gut: Zwei Stunden lang flackert das Bild kein einziges Mal. Untermalt vom Surren der Reifen begleiten wir zwei LABOFII-AktivistInnen zu einem Klimacamp vor dem Londoner Flughafen Heathrow, deren Teilnehmer versuchen, Bäume auf die Landebahn zu pflanzen; zu diversen ländlichen Kommunen in Portugal und Spanien, die alte Gehöfte instandbesetzt haben und nun selbstversorgt leben; zu einer Gemeinschaft in Deutschland, die die freie Liebe praktiziert; zu FabrikbesetzerInnen in Osteuropa; nach Christiana, der Großkommune, die zur Touristenattraktion geworden ist.

Immer kommen die Teilnehmer selbst zu Wort, LABOFII kommentiert nicht. Atmosphärische Bilder vermitteln einen Eindruck vom Leben in diesen Gemeinschaften. Das alles ist sehr stimmig und ästhetisch ins Bild gesetzt; man bekommt eine Ahnung von den Hoffnungen und der Praxis solchen Lebens – und von den Möglichkeiten, die es abseits von Job und Konsum gibt.

Zwangsläufig hinterlässt der sympathisierende Blick allerdings den Eindruck, von den Schwierigkeiten, die diese Gemeinschaften nicht zuletzt mit sich selbst haben müssen, zu wenig zu erfahren. Beim Gang hinaus in das schöne Festivalzentrum unter dem ausnahmsweise wolkenlosen Hamburger Himmel bleibt also die Frage, was wirklich utopisch ist an solchen Entwürfen – und wo sie möglicherweise doch von Neid, Besitzstreben, Gewalt eingeholt werden, wo die vermeintliche Freiheit von einem eigenen, restriktiven Regelsystem eingedämmt werden muss, wo auch solche Gemeinschaften nicht ohne Restriktionen und Strafe auskommen. Fragen, die “Paths Trough Utopia” nur ansatzweise beantwortet.

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